„Arbeitswut“ beim Gesundheitsamt beschert dem Einzelhandel längere Schließung

MEINE MEINUNG

Der Kreis Heinsberg wurde von der Pandemie als erster „Hotspot“ kalt erwischt. Aber wir haben es noch immer nicht gelernt mit dem Corona-Virus umzugehen. Nach mehr als einem Jahr beschließt die Bundesregierung eine einheitliche Notbremse, die Ladenschließungen, Ausgangssperren und weitere Einschränkungen beinhaltet. Der Einzelhandel liegt am Boden und plötzlich entdeckt das Gesundheitsamt des Kreis Heinsberg den „Tag der Arbeit“, um aufzuräumen. Aber alles der Reihe nach:

Auf dieser Nachrichten-Seite können sie fast täglich sehen, wie die Infizierten-Zahlen, der „R-Wert“ oder zuletzt die „Inzidenzen“ steigen oder fallen. Mittlerweile sind wir es – so glaube ich – alle satt, die Mahnungen zur Einhaltung der Hygienevorschriften von den Politikern tagtäglich vorgebetet zu bekommen. Sehr viele sind an oder mit Corona gestorben. Viele haben eine Corona-Infektion durchgemacht und brauchen die „guten Ratschläge“ eher nicht. Der Großteil der anderen will wohl nicht durchmachen. Feiern und so ziemlich alle Veranstaltungen sind seit mehr als zwölf Monaten abgesagt. Der Einzelhandel ist auch schon fast mausetot.

Vor einer Woche habe ich bei den Krankenhäusern des Kreises recherchiert und die Belegungen der Intensivbetten mit Covid-Patienten nachgefragt. In Geilenkirchen und Heinsberg waren es ca. 20 Prozent. Erkelenz hat keine Zahlen genannt. Dort wurde jedoch vor wenigen Wochen die Corona-Station dicht gemacht. Wären da nicht die Einschränkungen im täglichen Leben, würde sich das Virus wohl immer weiter aus den Köpfen der Menschen entfernen. Das Impfangebot wird umfänglicher und mehr und mehr Menschen entwickeln eine Immunität. Die Normalität scheint greifbar. Das sind die für mich feststehenden Fakten!

Doch jetzt kommt das Gesundheitsamt des Kreis Heinsberg ins Spiel. Seit Jahresbeginn hat dieses an den Wochenendtagen keine Zahlen an das federführende RKI gesendet. Dort werden die maßgeblichen Zahlen erfasst, die später über Öffnung oder Schließung entscheiden – nämlich die Inzidenz. Im Kreis Heinsberg lag am Freitag, 23. April, der Wert erstmals seit Wochen über der Inzidenz-Grenze von „150“. Laut neuer „Notbremse“, die am gleichen Tag in Kraft trat, muss der Einzelhandel schließen, sofern es an drei aufeinander folgenden Tagen eine Inzidenz oberhalb dieses Wertes gibt. Da es ein Freitag war und am Samstag und Sonntag im Gesundheitsamt des Kreises nicht gearbeitet wird, ist die Inzidenz am Montag auch noch „155“. Der Kreis teilte in einer kurzen Meldung mit: „Aufgrund der Tatsache, dass die Inzidenz an drei aufeinander folgenden Tagen über den Wert von 150 gestiegen ist, darf der Handel außerhalb des täglichen Bedarfs ab Dienstag, 26. April, kein Termin-Shopping mehr anbieten, sondern bestellte Ware nur noch zur Abholung bereitstellen (click und collect)“. Die Tage oberhalb der 150-Grenze waren Freitag, Samstag, Sonntag und Montag. Dabei zählt jedoch der Sonntag nicht, da nur „Werktage“ maßgeblich sind. Das kuriose daran ist, dass am Dienstag die Inzidenz wieder bei 133 lag. Aber halt! Zur Öffnung benötigt es fünf Werktage unterhalb 150 plus einen zusätzlichen Tag. Zählen wir nun einmal weiter: Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag! Fünf Tage wären es. Jedoch ist da der 1. Mai dabei. Dieser ist als „Tag der Arbeit“ ein Feiertag und zählt nicht. Sollte aber kein Problem sein, da das Gesundheitsamt ja eigentlich am Wochenende nicht arbeitet. Doch da haben die Einzelhändler die Rechnung ohne die Behörde gemacht. Ausgerechnet am „heiligen Gewerkschafts-Feiertag“ und dem ersten Mai-Sonntag wurde gearbeitet. Das Ergebnis ist am Montag eine Inzidenz von 165,5!! Der Einzelhandel darf aufgrund dieser Tatsache in den nächsten zehn Tagen nicht mehr öffnen.

Ist es ein neuer Ausbruch im Kreis? Ich glaube es nicht! Die „Arbeitswut“ des Gesundheitsamtes kommt sicherlich zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. „Es sollte liegengebliebene Unterlagen abgearbeitet werden“, hieß es von der Pressestelle des Kreises.

Das Problem ist folgendes: Wenn es am Wochenende ausnahmsweise Zahlen für das RKI gibt, dann werden diese in den „Topf“ mit den Zahlen der Vorwoche der gleichen Tage geworfen. Wenn dort keine Infizierten-Zahlen vorhanden sind, steigt die Inzidenz um die neuen Infizierten. Somit steigt ganz sicher die Inzidenz, ohne aber aussagekräftig zu sein.

Den Geschäften im Kreis, die jeden Tag nötig haben, hilft dies jetzt auch nicht mehr. Vielleicht überlegen sich die Verwaltungen demnächst vorher, wann sie Zusatzschichten einlegen. Der Chef der Verwaltung, Landrat Stephan Pusch, kann dies sicherlich den Geschäftsleuten besser erklären.

Nur zur Information: Am Dienstag ist die Inzidenz auf 122,9 gefallen. Aber öffnen dürfen die Geschäfte trotzdem nicht. Ein Trost bleibt. Auch wenn das Gesundheitsamt am kommenden Wochenende die Arbeit wieder entdeckt, das zählt dann nicht mehr, weil die Werte des letzten Wochenendes gegenüber gestellt werden und sich die Infektionslage relativiert. DANKE!

Einen Tipp an die Politik habe ich noch. Es sollten einmal alle Berufspolitiker auf zwei bis drei Monatsgehälter ihres Geldes verzichten! Einfach aus SOLIDARITÄT.

Meine Meinung

Volker Kirschbaum

 

3 Kommentare

  1. Ja, es wäre sehr hilfreich, würden die Zahlen an Wochenenden täglich gemeldet und veröffentlicht. Dazu bräuchte es nur einen Mitarbeiter, der am Wochenende für eine Stunde in sein Büro geht, vielleicht sogar vom Home-Office aus. Wäre alternativ montags eine tag-getreue oder gedrittelte Nachmeldung möglich?

  2. Ich habe bereits vor einem Jahr behauptet, Corona und die Folgen werden von der Politik nicht bekämpft, sondern lediglich verwaltet. Das stimmt zwar nicht zu 100 % soll aber verdeutlichen, welcher Eindruck bei den Bürgern entsteht.
    Eine zweite Provokation (die zum Nachdenken anregen soll) war: Ich gewinne nicht den Eindruck, dass wir es in Deutschland mit einer Pandemie oder Katastrophe zu tun haben, sonst würde man nicht freitags pünktlich um 12 Uhr, ruhigen Gewissens die Türen zu den Amtszimmern schließen.

  3. ja so langsam wird es lächerlich, wie mit dem Einzelhandel umgegangen wird. -Und wöchentlich grüßt das Murmeltier – die Zahlen werden dann zum Wochenende wieder steigen. Aus dem Zahlengewirr gibt es scheinbar kein entkommen. Die Home-Office Idee wäre ein guter Ausweg.

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